Excel vs. Vibe Coding
Tools wie Claude, Lovable und Cursor sind überall. Immer mehr Finanzteams experimentieren damit – oder fragen sich, ob sie es sollten. Wir erklären kurz, was Vibe Coding ist, und zeigen, wo es Excel bei typischen Finance-Aufgaben überlegen ist – und wo nicht.
Orcha Team
14. März 2026
Was ist „Vibe Coding“?
Der Begriff stammt von KI-Forscher Andrej Karpathy: Man beschreibt, was man will – und die KI baut es. Tools wie Lovable, Replit oder Claude Code generieren aus einer Beschreibung eine fertige Anwendung – mit Datenbank, Login und Hosting. Kein Programmieren nötig.
Für Finanzteams heißt das konkret: Statt auf die IT zu warten, beschreibt ein Controller sein Wunsch-Dashboard – und bekommt es in Stunden statt Monaten.
Beispiel aus der Praxis
„Baue mir ein Dashboard mit Cash Flow, Burn Rate und Forecasts.“ – Ein CFO tippt diesen Satz in Lovable, und die KI generiert eine Web-Anwendung mit interaktiven Charts. Das Interface passt sich automatisch an die Rolle an.
„Claude Code is the new Excel. Vibe coding is the new pivot table. Agentic AI tools are on track to replace Excel as the baseline skill of knowledge work.“
– John Hwang, Nextword (März 2026)
Warum Excel trotzdem noch da ist
96% aller FP&A-Professionals nutzen Excel mindestens wöchentlich (AFP Benchmarking Survey 2025). CFO.com nennt es „the glue that binds imperfect systems together“. Jeder kennt es, es braucht keine IT, und unterschiedliche Unternehmen sprechen eine gemeinsame Sprache: .xlsx.
Wo Vibe Coding Excel schlägt
Kein Formelpflege-Albtraum
Knapp 90% aller Spreadsheets enthalten Fehler – laut Schätzungen verursachen diese Fehler weltweit Verluste von rund 100 Mrd. $ pro Jahr. Eine vibe-gecodete App hat definierte Datenquellen und Berechnungslogik – kein „wer hat diese Formel geändert?“.
Live-Daten einfacher angebunden
Grundsätzlich kann auch Excel Live-Daten integrieren – über Power Query oder Add-ins. Aber bei vibe-gecodeter Software ist die Anbindung an APIs, Datenbanken und ERP-Systeme deutlich einfacher und zuverlässiger.
Jedes Dateiformat, jede Richtung
Excel arbeitet mit Tabellen. Ein vibe-gecodetes Tool kann PDFs lesen, Präsentationen erstellen, Rechnungs-PDFs automatisch prüfen oder Daten aus E-Mails extrahieren. Format-Grenzen, die in Excel harte Grenzen sind, existieren hier nicht.
Versionskontrolle mit Git
Code liegt in Git – jede Änderung ist dokumentiert, nachvollziehbar und rückgängig zu machen. Kein „V2_final_FINAL_neu.xlsx“ mehr. Die Versionshistorie ist durchsuchbar: Man kann genau nachvollziehen, wo ein bestimmter Change gemacht wurde, und gezielt einzelne Änderungen rückgängig machen (Cherry-Picking) – ohne das ganze Dashboard zurückzusetzen.
Wo Excel nach wie vor die beste Wahl ist
Planung und schnelle Iteration
Wenn Sie ein Modell bauen, das sich täglich ändert – neue Annahmen, neue Szenarien, schnelle Was-wäre-wenn-Rechnungen – ist Excel unschlagbar. Keine App kann so schnell angepasst werden wie ein gut strukturiertes Spreadsheet.
Einmalige, spezifische Analysen
Eine Ad-hoc-Auswertung für den Vorstand, eine Sonderanalyse für die Wirtschaftsprüfer – nicht alles muss automatisiert werden. Für Analysen, die man einmal braucht und nie wieder, ist Excel oft der schnellste Weg.
Universelle Sprache
Jeder Wirtschaftsprüfer, jede Bank und jeder neue Kollege kann eine Excel-Datei öffnen. Das ist ein echter Vorteil – allerdings einer, der mit jeder Cloud-Anwendung kleiner wird.
Allerdings
Sobald so ein Tool einmal steht – mit Echtzeit-Daten und flexibler KI-Anbindung – werden auch Planung, Was-wäre-wenn-Szenarien und Ad-hoc-Analysen oft schneller als in Excel. Die KI kann Daten sofort auswerten, Szenarien durchrechnen und Ergebnisse visualisieren – ohne dass jemand Formeln anpassen muss.
Unsere Einschätzung
Klar: Excel wird nicht von heute auf morgen verschwinden. Und ja – mit KI-Plug-ins wie Copilot, Claude for Excel oder Gemini-Add-ins wird Excel sogar besser. Die Benchmark steigt. Aber genau das zeigt: Die leistungsfähigste KI im Finance-Bereich sind nicht die Excel-Add-ins – sondern Coding Agents. Tools wie Claude Code oder Cursor generieren nicht nur Formeln, sondern ganze Anwendungen mit Datenbank, API-Anbindung und automatischen Alerts.
Der entscheidende Vorteil von vibe-gecodeten Tools ist die komplette Flexibilität über den gesamten Prozess. Man kann einen End-to-End-Workflow bauen:
Anbindung der Daten – direkt aus ERP, Bankkonto, CRM
Auswertung der Daten – automatisierte Berechnungen und Konsolidierung
Anzeige der Daten – interaktive Dashboards, rollenbasiert
Proaktive Analyse und Notifikation – Alerts bei Abweichungen, bevor jemand fragt
Automatische Report-Erstellung – im Unternehmens-Template, für Management und Investoren in unterschiedlichen Formaten
Diesen durchgängigen Prozess in Excel abzubilden, ist extrem aufwändig und fragil. Mit einem vibe-gecodeten Tool hat man komplette Flexibilität über jeden einzelnen Schritt.
Das heißt nicht, dass jeder Controller jetzt programmieren lernen muss. Vibe Coding erfordert eine gewisse Infrastruktur: Deployment, Versionskontrolle, Zusammenarbeit im Team – Dinge, die für Entwickler Standard sind, aber für Finanzteams neu. Deshalb geht es weniger darum, selbst zu vibe-coden, sondern Tools zu nutzen, die sich tiefgreifend an Ihre Prozesse anpassen lassen – statt sich mit einer starren Tabelle zufriedenzugeben.
Fazit: Vieles, was heute in Excel steckt, kann man vereinfachen
Gartner prognostiziert, dass bis 2028 die Hälfte aller Unternehmen KI einsetzen wird, um zeitaufwändige Bottom-up-Forecasting-Prozesse zu ersetzen. Die folgenden Workflows sind heute in den meisten Unternehmen noch in Spreadsheets – werden aber aus unserer Sicht bald in selbstprogrammierten oder gekauften Tools sein. Zum Thema Vibe Coding wird bald ein eigener Artikel folgen.
Budget-Soll-Ist-Vergleich mit automatischem Flagging
Abweichungen erkennen, Schwellenwerte definieren, automatisch eskalieren – das ist ein klassischer Fall für ein vibe-gecodetes Dashboard. In Excel sehen Sie die Abweichung erst, wenn jemand manuell hinschaut. Ein Dashboard schickt Ihnen eine Notification, bevor es kritisch wird.
Controlling-Dashboards mit vielen Datenquellen
Sobald Daten aus ERP, CRM und Bankkonten zusammenfließen, wird Excel zum Engpass. Drei Leute pflegen dasselbe File, Formeln brechen, Versionen divergieren. Ein Dashboard mit direkter API-Anbindung löst das Problem an der Wurzel.
Wiederkehrendes Monats- und Quartalsreporting
Wenn Sie jeden Monat die gleiche Struktur befüllen, neue Daten kopieren und Formatierungen anpassen – dann automatisieren Sie nicht, sondern machen Handarbeit. Dieser Workflow lässt sich komplett in ein Dashboard überführen, das sich selbst aktualisiert.
Liquiditätsplanung mit Echtzeit-Daten
Liquidität ist zeitkritisch. Ein Excel-Sheet, das einmal pro Woche manuell aktualisiert wird, ist per Definition veraltet. Ein vibe-gecodetes Tool kann Kontostände, offene Rechnungen und geplante Zahlungen live zusammenführen.
Quellen
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